Donnerstag, 18. September 2008

Sain bai-na uu,


seit einiger Zeit zerbreche ich mir den Kopf wie ich diesen Bericht abfasse, denn die Details sind nicht unbedingt erwaehnenswert, wenn man nicht dabei war. Begriffe wie: "sagenhafte Landschaft" und "geile Zeit" sind erstens schwer rueberzubringen, und es versteht eh jeder 'was anderes d'runter. Andere Begriffe wie: "verdammt anstrengend" und "scheiss kalt" ebenso. Die wenigsten Leute aus meinen Bekanntenkreis haben einen Schimmer, wie es ist, voellig alleine "mitten im Nix" zu sein, wo im Umkreis von 100km kein Mensch zu finden ist, und welch ein Gefuehl es ist, sich vollkommen auf die Technik eines Motorrades zu verlassen, und das ueber eine Woche. Im Uebrigen wird dieses Gefuehl gesteigert, wenn nicht einmal Baeume oder Berge zu sehen sind.. Ich meine wirklich "nix" in diesem Fall.. ..alles eben.. die Sicht geht ca. 30km in JEDER Richtung.

In Ulaan Baator habe ich drei Wochen verbracht um auf ein russisches Visum zu warten. Dort traf ich wieder auf Robbo, bekannt aus der Djibouti-Jemen-Oman-Dubai-Zeit, und habe auch Dierk kennengelernt.--- Jetzt wird mir deutlich, welche Umstellung ich gerade erfahre, von der englischen Faekaliensprache in vertretbares Deutsch zu steigen --- Der gemeinhin gebildete Freund/Bekannte aus meiner Heimat wuerde vielleicht veraechtlich die Nase ruempfen.. Ich dagegen hatte Wahnsinnsspass (hoffentlich sinkt mein Ansehen nicht weiter hierdurch). Es gab nur eine Uneinigkeit waehrend der Zeit: In der englischsprachigen Welt scheint es ein Naturgesetz zu geben, das da lautet: ein Furz ist immer witzig! Wenn ich an die vielen Glueckwuensche und Gratulationen denke, wenn mir einer entging.. finde ich's auch witzig! ..komisch, oder?
Wir verbringen die Tage mit Erholung von der Nacht davor und den wenigen Erledigungen, die zu tun sind. Mit im Gepaeck habe ich ein paar Folgen von "24", wobei "Jack Bauer" unser offizieller Held wurde. Robbo und Dierk haben viel zu tun, denn sie wollen durch China... Doch diese Geschichte erzaehle ich lieber muendlich.. oder: http://hardwayhome.blogspot.com . Nachmittags geht's dann meistens zum "Irisch Pub", und wir enden irgendwann in Lokalen wie "River Sounds" oder "Strings", wo es Live-Musik gibt, und wo wir mittlereweile die Bands kennen und die Abende mit Tischfussball und bloed Rumquatschen verbringen. Es ist ein paar mal vorgekommen, dass ich vor lauter Bauchschmerzen und (Bauch-)Muskelkater nicht mehr lachen konnte, so einen Spass hatten wir. Doch, wie gesagt.. eher Situationskomik und unmoeglich zu beschreiben.

Geschichten wie Museums- und Klosterbesuche gehoeren zum Pflichtprogramm und beduerfen hier keiner Erwaehnung.. oder vielleicht eine: Die Kloester sind langweilig, doch die Shamanenhuetten sind cool mit den Leuten, die sich ihre Zukunft murmelnderweise erklaeren lassen. Die Stimmung ist ganz seltsam und es hoert sich fremd (fremder geht's nicht) an.
UB ist gross, haesslich und die Infrastruktur laesst zu wuenschen uebrig: Der Strom faellt oefters aus, die Fernwaermeleitungen gehen so gut wie nie, doch die Wasserversorgung ist gut.
Es gab zwei grosse, langwierige Ereignisse waehrend meiner Zeit:
1. eine Ralley. Hierbei handelte es sich um eine Gruppe von Englaendern, Spaniern und Italienern, die sich irgendwie Autos besorgten, irgendwie (Kazachstan oder Russland oder..) hierher fahren und diese Autos zu Gunsten wohltaetiger Zwecke versteigern lassen. Mit ca. 80 Leuten macht es schon Spass durch die Kneipen zu ziehen!
2. die Olympiade. Ich weis nicht, ob die Mongolei jemals Medaillen gewonnen haben, doch dieses mal gab's gleich 4 (2 Gold, 2 Silber). Die Mongolen sind voellig aus dem Haeuschen und feiern wie verueckt! Einmal geriet sogar ein Bus in Flammen, der die Hauptstrasse fuer den naechsten Tag blockierte. Uebrigens, der Praesident sitzt auch hier und feiert wie jeck! (der wohnt eh' gegenueber vom "Irisch Pub").

An dieser Stelle vielleicht doch einige Erklaerungen zur Mongolei..
Die Mongolei ist etwa 5 mal groesser als Deutschland. Es leben etwa 2,5 Millionen Leute im Land und etwa 3,5 Millionen ausserlandes. Ich wuerde sagen, dass 90% der Leute in UB leben, womit der Rest vom Land ziemlich leer ist. Draussen auf dem Lande gibt es nichts.. ich meine nichts! Noch nicht einmal Gras. Wie die Mongolen solange ueberlebt haben, ist mir ein Raetsel. Es wird aber erklaerlich warum keiner (noch nicht einmal die Russen) das Land uebernommen hat im Laufe der Geschichte. In den letzten Jahrzehnten hat sich herausgestellt, dass es unterirdisch alles gibt, was das geldgierige Herz begehrt: Gold, Silber, Kupfer, Oel, jede Menge eben. Schneller als die Mongolen sind die auslaendischen Firmen, die sich hier (eigentlich nicht gesetzeskonform) breitmachen und Minen buddeln. Gesetzeskonform wird es, wenn genug Schmiergeld fliesst, und das macht einen kleinen Teil der Mongolen ziemlich reich. Ich habe sogar einen Lambourgini gesehen.. und das bei 200km Asphalt im GANZEN Land. Die Menschen, die Arbeit haben, machen etwa 150US$ im Monat. Die Leute auf dem Lande ueberleben irgendwie, wollen es aber so haben. Es wird mir erklaert, dass die Winter (immerhin 70% vom Jahr) ziemlich hart werden, weil es nichts zu verbrennen gibt.. oder doch? Die Leute verbrennen so ziemlich alles wie Autoreifen, Plastikmuell und Viehscheisse. Das ergibt einen Smog, der nicht auszuhalten ist.

Noch eine Umstellung wird mich erwarten, die mich mit Grauen erfuellt.. Die Natuerlichkeit der Leute! Ausserhalb der westlichen Welt ist man nicht so reserviert und vorsichtig. Wildfremde Leute sprechen miteinander ohne direkt Gedanken zu haben wie: "Was will der von mir?" oder "Wer weiss, was das fuer ein Spinner ist". Man laechelt und lacht viel mehr (zumindest glaube ich das). Mir faellt gerade eine Geschichte ein, als ich aus Afrika zurueckkam.. Im "Plus" stehe ich in der Schlange vor der Kasse und gruesse die Leute um mich herum.. eine aeltere Frau fragt mich darauf, ob wir uns vielleicht kennen. Ich sage "nein, ich wollte nur freundlich sein".. fand sie toll! ...doch dann erzaehlte sie mir 10 Minuten lang ihre Leidensgeschichte mit ihrer Gesundheit und ihren Kindern, die sich einen Scheiss um sie kuemmern.. ueberhaupt haette sie keinen der mit ihr spricht.. Darauf verfiel ich in Depressionen, und seitdem gruesse ich nicht mehr an der Kasse... Was ist nur mit uns los? Weiter geht's mit Kneipen und Zappelhallen, Jeder (Single) scheint irgendwie herumzustehen mit der Einstellung "ich bin sooo toll, dass ICH angesprochen werden muss". Wird man dann angesprochen ist die erste Reaktion: " Was will der von mir?". Hat man diese Huerde ueberwunden, muss irgendwie 'was Intelligentes rueber kommen, was meistens in Problemewaelzen ausartet. Was ich eigentlich sagen will, ist, dass wir (eigentlich ich.. du auch?) viel zu wenig Spass haben, zu wenig lachen und dadurch dieses Verhalten foerdern. Ich postuliere, dass keiner Probleme hoeren will (zumindest nicht beim Kennenlernen), aber alle davon reden.
Ein weiteres Beispiel, als ich (aus Afrika) von Frankfurt nach Koeln mit dem Zug fuhr... Innerhalb 2 Stunden habe ich 6 Lebensgeschichten gehoert, ohne dass irgendeiner nach meinem Namen fragte! Heisst das vielleicht, dass wir froh sind, wenn endlich mal einer zuhoert? Oder ist es vielleicht, weil wir uns fuer sooo toll halten, dass wir unsere Geschichten unbedingt weitergeben muessen? ..Und gleichzeitig deutlich machen, wie unwichtig das Gegenueber ist? Ist es ein ewiges "Uebertruempfen muessen"? ..keine Ahnung, jedenfalls beschaeftigen mich diese Gedanken immer mehr, je naeher ich nachhause komme.
Anyway, ca. 1500 km offroad habe ich hinter mir mit allem, was die Mongolei zu bieten hat: ein Tag Schlamm... hey, dieser Schlamm ist vielleicht anstrengend! Eigentlich ist es kein Fahren sondern mehr so.. gleiten, wo der Gleichgewichtssinn immens gesteigert wird. Nach 200km davon weis man, was man getan hat! Weiter geht's mit Geroell, seichtem Sand, tiefem Sand, Steinen, riesigen Steinen, Fluessen, Steigungen/Senken oder auch alles gleichzeitig! Meistens handelt es sich um Spuren im Dreck, die von Autos gezogen wurden. Derer gibt es viele, auch nebeneinander, wodurch es sich ergibt, dass sogenannte "Strassen" 5km breit sein koennen. In den tiefsten Spuren macht es am meisten Spass.. Waehrend der "geradeauslauf" hohe Konzentration erfordert (die Spur ist bis zu 1/2 Meter tief und 1/2 Meter breit), sind die Kurven Wahnsinn! Diese Tiefe und Breite kann ich als Steilkurven verwenden! ...ziemlich Geil! Tja, die Konzentration macht sich bei mir nach 4 Stunden bemerkbar, und ich werde muede.. die Fahrt wird dadurch risikoreicher, und ich senke meine Geschwindigkeit drastisch.

Das alles hoert sich fuer den eingefleischten "Biker" vielleicht ziemlich toll an, doch nach 4 Tagen habe ich genug und will nur noch raus hier. Aber es gibt kein "raus hier". Damit wurden die letzten 3 Tage eher zur Qual.
In UB hatte ich Gedanken wie Risikoabschaetzung und beschloss auf Jemanden zu warten, der mit mir zusammen diese Strecke ueberwindet. Ich wurde auch fuendig, doch wie so oft stellt es sich heraus, dass die meisten Leute einiges weniger an Fahrerfahrung aufbieten, und ich verbringe die halbe Zeit mit Warten. Zu einem gewissen Mass bin ich zu Warten bereit, doch wenn ich um 14 Uhr in einem Ger (Juhte) eintrudele und um 18 Uhr kommt dann mein Mitfahrer, wird mir das zu "bunt". Jiri (Tscheche) sieht ein, dass er noch lernen muss und faehrt zurueck. Das war am 2. Tag. Auf meinen Laptop habe ich die Filme "Long way Round" dabei und wenn ich mir die Folgen Mongolei ansehe, kann ich nur grinsen...
Die letzten drei Tage, wie gesagt, werden zur Qual. Keine Dusche gesehen seit UB, und meine Haare sind nur noch fette Straehnen. Ich stinke nicht sonderlich wie in Afrika wegen der Kaelte und schwitze so gut wie gar nicht. Mein Leidensdruck ist aber nicht so schlimm, dass ich mich im Eiswasser bade. Der Wunsch nach einem warmen Hotel wird riesig, doch nach 6 Tagen komme ich in Ulaangom an (die zweitgroesste Stadt der Mongolei), und es gibt nur 2 Hotels. Keins davon hat eine Dusche im Zimmer, und warmes Wasser gibt es in der ganzen Stadt nicht. In 3 Restaurants versuche ich, was zu Essen zu bekommen, doch die Bediensteten winken nur ab.. es gibt nichts! Mein Zelt ist sauberer und schoener als die Hotelzimmer und ich ziehe weiter durch die Praerie. Die allerletzte Stadt vor der Grenze hat den Namen "Tsagaannuur". Hier gibt es gar nichts ausser einem perfekt ausgestattetem Militaerkomplex mit riesigem Zaun. Also wieder kein Hotel.. weiter frieren und meinen Bart, der unheimlich juckt, kratzen. Es gibt ein Mobilfunknetz, und ich beschliesse zunaechst in der Naehe zu bleiben, um wenigstens ein paar Worte mit jemandem zu wechseln. ..ach ja, Worte wechseln.. ich werde, besonders in den Orten, herangewunken von irgendwelchen Leuten, die aber kein Wort verstehen, was ich sage. Ich verstehe andererseits ebenfalls kein Wort. So geht es die ganze Zeit... was ein Sche.. Seit einer Woche mit Niemandem gesprochen! .. Die Grenze ist aber nur noch 35km weg. Was nutzt mir das, wenn mein Russlandvisum erst uebermorgen Gueltigkeit hat? Egal, schlimmer als dieses Tsag..-Loch kann's nicht sein, und in der Praerie kann ich immer noch zelten. Das Wunder geschieht: an der Grenze gibt es ein Hotel mit Heizung! Die Wirtin ist supernett und es gibt einen Gast, der englisch spricht.. Jippieh! Die Wirtin macht mir einen Eimer Wasser warm und bald darauf stehe ich in eine Buett.. herrlich!
Den heutigen Tag (12.09.08) liege ich nur rum und schreibe diesen Bericht. Das tut vielleicht gut!

Die Evolution, ein Gott oder das grosse-weisse-Taschentuch.. was auch immer diese Landschaft erschaffen hat, ...oder, wer/was immer mich programmiert hat, damit mir das gefällt, hat einen prima Job geleistet! Ich fahre total ab auf dieses Land und glaube, wer immer sagenhafte, fantastische Landschaften und die Einsamkeit liebt, und dann noch gerne eine Motorradherausforderung moechte, der MUSS hierher!

maat et juht, bis sehr bald
dae leeven Jung


P.S.: Im Moment habe ich keine Ahnung, wann ich diesen Bericht absetze. Ich behalte aber diese Zeitform bei und werde im naechsten Bericht nicht mehr von der Mongolei sprechen.

Noch was: Meiner AT habe ich ziemlich viel zugemutet. Es wird besonders deutlich, wenn ich mir die verbeulten Felgen und Schutzbleche ansehe. An dieser Stelle moechte ich mich bedanken fuer den tollen Gepaecktraeger und die Federabstimmung.. Kalla, du bist der Groesste

Kommentare:

Tanja hat gesagt…

Hey leeven Jung!
Schön, wieder von dir zu lesen...UB klingt ja wirklich völlig anders als die Welt die ich so kenne...
...aber trotzdem, unser Urlaub in der Toskana war auch schön! ;-)

lg,
et Tanja

P.S: Ich find, deine Berichte werden jedesmal besser! Vielleicht solltest du doch noch Schriftsteller werden!? :-)

Tom hat gesagt…

Hey Freak!
Habe mir schon echte Sorgen gemacht, denn die Strecke is nich ohne.... Aba so sind wir deutschen wohl.. Bin froh das et jut jejangen is, obwohl der mike allet alleene in kalten jemacht hat.Wooau! Extraorden vonnen Warmduscha aus Berlin, der dit nich jemacht haette!! Ick freu ma, das de der welt erhalten jeblieben bist, so das wa noch ne Menge tsu lachen kriejen werden, innne westliche Problemwelt:) recht haste, schreiben kannste ooch, aba eines sei anjemerkt: Nur uffn Jahrmarkt der lustijen Oberflaechlichkeiten, kann ooch keener uff Dauer Leben...
Fette Gruesse (seit 2 Tagen) auss`n langeweile Berlin von dein Jurtenkumpel.
PS:Au Kacke, Schreiben kannste ja wie'n Grosser. Jefaellt ma....